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Das Traditionelle Christentum

Ewald Frank

library_books Kapitoly: 32 calendar_month 13. 12. 1992

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Kapitola 4

2. Kapitel: Das Urchristentum und die darauf folgenden Epochen

4 / 32

In der Kirchengeschichte sind die einzelnen Epochen, die dem Urchristentum folgten, umfassend beschrieben. Wir werden uns deshalb in unserer Betrachtung mit diesen Zeiträumen nur so kurz wie möglich befassen. Die Zeitspannen könnten ungefähr so eingeteilt werden: die Zeit der Urgemeinde bis zum Jahre 100 n. Chr., die unmittelbar darauffolgende Epoche der nachapostolischen Zeit im zweiten Jahrhundert, die Entwicklung bis zum nicäischen Konzil (325 n. Chr.), die Entstehung der Staatskirche im Römischen Reich, die Zeitspanne bis ins Mittelalter, die Reformation als neuer Anfang, die Erweckungsbewegungen danach, die Einleitung zum vollen Evangelium und das Zurückversetztwerden der Gemeinde in ihren ursprünglichen Zustand vor der Wiederkunft Christi.

Die kirchengeschichtlichen Darlegungen bieten kein einheitliches Bild. Viele haben Vermutungen in den Raum gestellt, aus denen Legenden wurden, die andere dann bereits als Tatsachen wiedergaben. Außerdem dürfte allen klar sein, daß eine katholisch orientierte Geschichtsschreibung ganz anders ausgefallen ist als die protestantisch ausgerichtete. Eine Übersicht über die einzelnen Epochen und die darin stattgefundene Entwicklung ist notwendig, um den Vergleich mit dem Urchristentum ziehen zu können. Nur aus dem Mund der Apostel haben wir die „Apostellehre“ empfangen. Eine Schrift, die im Jahr 1883 in einem Kloster aufgefunden und auf Vermutungen hin willkürlich in den Zeitraum
80-120 n. Chr. datiert wurde und die Bezeichnung „Zwölfapostellehre“ bzw. „Didache“ trägt, hat mit den Aposteln des HErrn wirklich nichts gemeinsam. Auch das „apostolische Glaubensbekenntnis“, das erst im 4. Jahrhundert in verschiedenen Konzilen beraten und formuliert wurde, kann nicht den Aposteln zugeschrieben werden. So entstanden die unbeabsichtigten Fälschungen und Verdrehungen, die als echt betrachtet werden. Nur in der Apostelgeschichte selbst und in den von den Aposteln geschriebenen Briefen, die im Neuen Testament enthalten sind, finden wir die wahre Lehre. Die Apostel waren Männer, die das Wort aus dem Munde ihres HErrn gehört und in Seinem Auftrag weitergegeben haben. Durch sie hat die neutestamentliche Gemeinde das reine, unverfälschte Wort Gottes, das allein das göttliche Siegel trägt, empfangen.

Paulus, der auf übernatürliche Weise berufen und zum auserwählten Rüstzeug bestimmt wurde, ist den Uraposteln vom HErrn selbst zugeordnet worden. Er war es, der aufgrund direkter Sendung sagen konnte: „Denn ich habe es meinerseits vom HErrn her so überkommen, wie ich es euch auch überliefert habe“ (1. Kor. 11, 23). Er hat den größten Teil aller Briefe geschrieben, genau 100 Kapitel mit 2.325 Versen, während z. B. Petrus nur 8 Kapitel mit 166 Versen schrieb. Paulus hatte das Evangelium in gleicher Weise wie die Propheten das Wort durch Offenbarung empfangen (Gal. 1, 11-12), deshalb auch die durch Mark und Bein gehende Mahnung: „Aber auch wenn wir selbst oder ein Engel aus dem Himmel euch eine andere Heilsbotschaft verkündigten als die, welche wir euch verkündigt haben: — Fluch über ihn!“ (Gal. 1, 8). Was nicht mit dem Ur-Evangelium der Ur-Apostel übereinstimmt, steht unter dem Fluch. So gesehen haben wir es tatsächlich mit einem unter dem Fluch stehenden, verfälschten Christentum zu tun, das die Kritiker bei ihren Ausführungen vor Augen hatten.

Die vier Evangelisten legen Zeugnis von dem Erlöser ab. Sie beschreiben Sein Leben, Sein Wirken von Seiner Geburt an bis zu Seinem Tod, Seiner Auferstehung und Himmelfahrt. Dabei geben die Synoptiker, Matthäus, Markus und Lukas, ein sich ergänzendes Gesamtbild. Johannes dagegen befaßt sich weder mit Bethlehem noch mit dem Geschlechtsregister, er macht einen „Höhenflug“ und zeigt gleich im ersten Vers des ersten Kapitels, wer Christus wirklich ist. Die vier Evangelien geben eine Gesamtübersicht der verwirklichten Erlösung, die Gott in Christus hier auf Erden vollbracht hat. Sie sind glaubwürdig, weil sie uns von wahrhaftigen Augen- und Ohrenzeugen hinterlassen wurden (2. Petr. 1, 16-18; 1. Joh. 1, 1-3).

Die Apostelgeschichte stellt uns als erstes die übernatürliche Gründung der Urgemeinde durch die Ausgießung des heiligen Geistes vor Augen (Kap. 2). Es handelte sich dabei tatsächlich um ein Ereignis vom Himmel her. In der ersten Predigt hat der geisterfüllte Apostel Petrus den Gläubigwerdenden im Auftrage Gottes die zu einer Bekehrung notwendige Buße, die biblische Wassertaufe (Vs. 38) und die gleiche Erfahrung der Geistestaufe, wie sie die 120 gerade erlebt hatten, verkündet: „Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen, die noch fern stehen, soviele ihrer der HErr, unser Gott, berufen wird“ (Vs. 39). Gott allein rettet und fügt die Gläubiggewordenen durch den heiligen Geist zu Seiner Gemeinde hinzu (Apg. 2, 47).

Die Urgemeinde bestand aus Menschen, die Gott wirklich erlebt hatten. Die Gläubiggewordenen wurden im Wasser und auf übernatürliche Weise durch den heiligen Geist als Glieder zu einem Leibe getauft (1. Kor. 12, 13), der mit Geistesgaben (1. Kor. 12, 7-11) und Geistesfrüchten (Gal. 5, 22-23) ausgestattet war. So wie Gott in Christus einen Leib als Tempel hatte, in dem Er wohnte und durch den Er wirkte, so bildete die Urgemeinde als erlöste Schar den Leib des HErrn (1. Kor. 12, 12), den Er als Haupt (Kol. 1, 18) zur Fortsetzung Seines Dienstes benutzte. ER sagte: „Wie Mich der Vater gesandt hat, so sende auch Ich euch“ (Joh. 20, 21). Damit die vielfältigen Aufgaben wahrgenommen werden konnten, setzte Er Apostel, Propheten, Hirten, Lehrer und Evangelisten in die Gemeinde ein (Eph. 4, 11).

Im Urchristentum gab es keine Würdenträger, es gab nur Männer, die, der hohen Berufung würdig, ihren Dienst unter der Leitung und Inspiration des heiligen Geistes ausführten. Die Urchristen kannten weder Priesterschaft noch Prediger als Amtsträger, sondern die Gemeinde der Erlösten und Wiedergeborenen als Ganzes war die königliche Priesterschaft und das heilige Volk (1. Petr. 2, 9; Offbg. 1, 6). Die fünf bereits erwähnten Dienste sind für die Gesamtgemeinde bestimmt und deshalb nicht auf eine lokale Gemeinde begrenzt. Die Gemeindevorsteher bzw. Aufseher oder Gemeinde-Ältesten betreuten die souveränen Ortsgemeinden. Diejenigen unter ihnen, welche die Leitung hatten, wurden Bischöfe genannt und mußten verheiratet sein (1. Tim. 3, 1-7; Tit. 1, 5-8). Es gab sogar lokale Gemeinden mit mehreren Bischöfen, also mit mehr als einem leitenden Gemeinde-Ältesten (Phil. 1, 1). Das stimmt mit Jak. 5, 14 überein, wo geschrieben steht, daß ein Krankgewordener die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen soll. Paulus und Barnabas wurden in Jerusalem von der Gemeinde, den Aposteln und den Ältesten empfangen (Apg. 15, 4). Im Urchristentum herrschte noch diese göttliche Gemeindeordnung.

Zur Wahrnehmung von praktischen Aufgaben in der lokalen Gemeinde wurden Diakone berufen, die ebenfalls verheiratet sein mußten (1. Tim. 3, 8-13). Dies war notwendig, damit die Bischöfe und Diakone den Gemeindegliedern aus der praktischen Erfahrung heraus in Ehe- und Familienproblemen raten und helfen konnten. Die Urgemeinde kennt das Amt des Bischofs, wie es heute ausgeübt wird, überhaupt nicht. Gemäß 1. Tim. 3, 15 ist die von Christus gegründete Gemeinde des lebendigen Gottes die Grundfeste — das Fundament und Säule, also das tragende Element, der Wahrheit. Eigenmächtige Deutungen und Falsches haben in ihr keinen Platz. Als göttliche Einrichtung auf Erden soll durch sie der Wille Gottes, wie er im Himmel geschieht, auch auf Erden geschehen.

In der ersten Zeit nach Gründung der neutestamentlichen Gemeinde gab es darin die reine Verkündigung des Evangeliums, die biblischen Lehren und die von den Aposteln ausgeübte Praxis. Die Urgemeinde war ein vom Leben Christi durchdrungener, vom Geist geleiteter Organismus, also keine organisierte Denomination.

Später mußten sich Paulus und die anderen Apostel schon mit Irrlehrern und Verführern auseinandersetzen. Von da an begann eine pluralistische Entwicklung; mehrere geistliche Strömungen verliefen parallel nebeneinander. Eine bestand aus wahrhaft Gläubigen, die sich nach dem Wort und dem Evangelium der von Gott eingesetzten Apostel richtete und es in der Praxis auslebte. Johannes bestätigt es mit den Worten: „… wer Gott kennt, der hört auf uns; wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist der Täuschung“ (1. Joh. 4, 6).

Die anderen Glaubensrichtungen bestanden aus einer Vermischung von Wahrheit und eigenen Deutungen, die später zu Lehren wurden. Solche Männer bezeichnet die Heilige Schrift als „falsche Brüder“, die sich einschlichen, ohne eine göttliche Berufung zum Dienst erhalten zu haben. Paulus macht es deutlich: „Was aber die eingedrungenen falschen Brüder anlangt, die sich eingeschlichen hatten …“ (Gal. 2, 4). Es waren Männer, die einen anderen Jesus verkündigten, einen andersartigen Geist empfangen hatten und ein andersartiges Evangelium predigten (2. Kor. 11, 4). Petrus warnt die Gläubigen vor falschen Brüdern, die heimlich verderbliche Lehren einführten (2. Petr. 2, 1-3). Der Apostel Judas sprach sich über diese Richtungen so aus: „Wehe ihnen! Sie sind auf dem Wege Kains gegangen, haben sich aus Gewinnsucht in die Verirrung Bileams verstricken lassen und sich durch ihre Auflehnung wie einst Korah ins Verderben gestürzt“ (Juda 11). Die falschen Brüder haben gefälscht, die Irrenden haben irregeführt. So entstanden die verschiedenen geistlichen Richtungen.

Johannes sieht in diesen abweichenden Strömungen den Anfang der antichristlichen Bewegung. Anti bedeutet „gegen“, und demzufolge ist alles, was nicht mit Christus und Seinem Wort übereinstimmt, gegen Ihn und damit anti-christlich. Er schreibt: „Sie sind aus unserer Mitte hervorgegangen, haben aber nicht wirklich zu uns gehört; denn wenn sie zu uns gehörten, wären sie bei uns geblieben; so aber sollte an ihnen offenbar werden, daß sie nicht alle von uns sind“ (1. Joh. 2, 19). Paulus nennt diese Männer reißende Wölfe (Apg. 20, 28-30). In Offbg. 2, 2 wird von den Echten, die unterscheiden konnten, gesagt: „… du hast auch die geprüft, welche sich für Apostel ausgeben, ohne es zu sein, und hast Lügner in ihnen erkannt.“ Wie konnten sie unfehlbar prüfen, woran feststellen, daß diese Männer sich nur als Apostel ausgaben, ohne es zu sein? Sie prüften, ob sie predigten, was Petrus und Paulus gepredigt haben. Die Prüfung muß immer an der apostolischen Verkündigung und Praxis erfolgen, die als alleiniger Maßstab gilt. Die Frage: „Was ist Wahrheit und was ist Fälschung?“ stellte sich schon damals.

In den genannten Bibelstellen ist deutlich von Abzweigungen die Rede, die sich parallel zur Gemeinde Jesu Christi als falsche Glaubensrichtungen entwickelten. Noch vor Ende des ersten Jahrhunderts gab es verschiedene falsche Lehren und Vermischungen: die einen hielten sich an die Lehre Bileams, die anderen an die Lehre der Nikolaiten, wieder andere hörten auf eine Frau, die als Isebel bezeichnet wird und sich als Prophetin ausgab und als Lehrerin betätigte (Offbg. 2, 20).

Damit wir genau wissen, was richtig ist, wurde uns die reine Lehre der Apostel in der Heiligen Schrift hinterlassen. Auch die verschiedenen anderen Lehren, die von Unbefugten eingeführt wurden, finden Erwähnung. Die Aufforderung „Prüfet alles …“ (1. Thess. 5, 21) gilt immer noch. Viele haben sie sich zu eigen gemacht, jedoch in der Praxis nicht richtig angewandt. Sie haben andere aus dem Stand der eigenen Erkenntnis und der Sicht ihrer Lehre und Praxis geprüft, dabei aber völlig außer acht gelassen, daß es nur einen einzigen vor Gott gültigen Maßstab gibt, der als Prüfung für alles und jeden angelegt werden kann: das Gesamtzeugnis des Wortes Gottes.

Im zweiten Jahrhundert breiteten sich neben der Gemeinde des lebendigen Gottes, die für immer glaubt und handelt, wie Christus es durch die Apostel lehren ließ, die verschiedensten Glaubensrichtungen aus. Die vom Wort abweichenden Lehrauffassungen bekamen immer mehr Zulauf. Der schmale Weg wurde verbreitert und die enge Pforte weit gemacht; jede Richtung war bestrebt, die meisten Mitglieder zu haben, wie es auch heute noch der Fall ist. Doch der wahren Gemeinde Jesu Christi gilt zu allen Zeiten die Verheißung: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! denn eurem Vater hat es gefallen, euch das Reich Gottes zu geben“ (Luk. 12, 32). Die zur kleinen Herde Gehörenden achten nur auf die Stimme des guten Hirten, der Sein Leben für die Schafe gelassen hat, nämlich auf Sein Wort. Diese «Ecclesia» war zu allen Zeiten die kleine, herausgerufene Schar, die kompromißlos dem Hirten folgte.

In der nachapostolischen Zeit ragen zwar Polycarp († 155), der noch mit dem Apostel Johannes zusammen war, und Irenäus († 202), ein Schüler Polycarps, als Glaubensverfechter heraus, doch bei genauer Prüfung handelt es sich bereits nicht mehr ausschließlich um das reine, von den Uraposteln verkündigte Glaubensgut. Der Schritt vom göttlichen Organismus zur menschlichen Organisation wird deutlich.

Die Entwicklung im dritten Jahrhundert bis zum Konzil in Nicäa 325 n. Chr. ist gegensätzlich. Rein äußerlich verbreitete sich das „entartete“ Christentum in jeder Form bis zur staatlichen Anerkennung durch Kaiser Konstantin immer mehr, so daß es zu einer ernstzunehmenden Stärke im gesamten Römischen Reich wurde. Der Glaube wurde zu einer neuen Philosophie. Orientalische Überlieferungen, vermischt mit hellenistischem Gedankengut, verwässerten den ursprünglichen Glaubensinhalt. Die Streitigkeiten über die sogenannte „Christologie“ setzten ein und bewegten die Gemüter.