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Das Traditionelle Christentum

Ewald Frank

library_books Kapitoly: 32 calendar_month 13. 12. 1992

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Kapitola 24

22. Kapitel: Erneuerung und Wiedergeburt

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Die erlebte Rechtfertigung setzt dem alten, ohne Gott geführten Leben ein Ende und leitet die innere Erneuerung ein. Obwohl es sich um ein einziges Erlösungswerk und um eine Erlösung handelt, vollzieht sich das göttliche Gnadenwerk in den verschiedenen Bereichen des Lebens und wird deshalb durch unterschiedliche Begriffe ausgedrückt.

Es beginnt mit der Erweckung: Der von Gott getrennte Mensch, der geistlich tot ist, wird wachgerüttelt. Dies geschieht durch den Geist Gottes unter der Predigt des Evangeliums. Bis dahin ist der Mensch tatsächlich geistlich tot, ohne es zu wissen. Für ihn ist die Welt in Ordnung, er nimmt nicht wahr, daß etwas nicht stimmt.

Ob religiös oder nicht, der Mensch verdrängt jeden Gedanken an das Jenseits, an eine persönliche Verantwortung vor Gott und beim Jüngsten Gericht. Wer eine solche Möglichkeit nicht ganz ausschließt, sagt sich oder anderen: „Ich habe ja niemanden totgeschlagen, habe dies oder das nicht getan, also wird es nicht so schlimm sein, falls da etwas kommen sollte.“ Da kommt nun aber tatsächlich etwas. Alle sollten deshalb wissen, daß Gott kein alter Opa oder lieber Onkel ist, bei dem man durch ein paar nette Worte Gunst findet. Dann ist Gott nicht mehr der liebevolle Heiland, sondern der strenge Richter. ER ist an Sein eigenes Wort gebunden und muß entsprechend urteilen.

So, wie Er jetzt an Sein Wort gebunden ist und jedem, der an Ihn glaubt, vergibt, ihn begnadigt, freispricht und rechtfertigt, wird Er dann alle, die Ihm getrotzt, widersprochen und Seinen Heilsratschluß verworfen haben, gerecht richten. Auch diejenigen, die es auf eigene Weise versucht haben, ohne sich aber Gott wirklich anzuvertrauen, werden enttäuscht sein. Es geht wirklich nicht nur darum, zu glauben, sondern Gott zu glauben — so zu glauben, wie Er es in Seinem Heilsratschluß für die Menschheit festgelegt hat. Wer Gott nicht glaubt, der macht Ihn zum Lügner (1. Joh. 5, 10).

Zunächst ist es so, daß der natürliche Mensch die geistlichen Dinge, auch wenn er sehr religiös ist und handelt, nicht wahrnimmt. Es beginnt mit der Erweckung, mit dem Wachrütteln des Gewissens aus dem geistlichen Todesschlaf. Bei der Pfingstpredigt des Petrus waren die Menschen so ergriffen, innerlich so bewegt und erweckt worden, daß sie ausriefen: „Was sollen wir tun, werte Brüder?“ (Apg. 2, 37b).

Unter der Verkündigung des Evangeliums werden von den glaubenden Zuhörern verschiedene Erfahrungen gemacht. Als Petrus im Hause des Kornelius predigte, vollzog sich an den Versammelten innerhalb einer einzigen Predigt von der Bekehrung bis zur Geistestaufe alles auf einmal (Apg. 10, 34-48). Je nach der inneren Einstellung der Zuhörer, ihrer Erwartung im Glauben und der bevollmächtigten Predigt kann der Geist Gottes entsprechend dem verkündigten Wort wirken. Es ist gut, daß es keine Schablone gibt, die angelegt werden könnte. Der wirklich vor Gott gültige und sich auswirkende Glaube kommt aus der Predigt — aus der Botschaft des vollen Evangeliums. Alle Erlebnisse, die zum Heil notwendig sind, können von den Zuhörern erfahren werden. Der Geist Gottes beginnt zu wirken, indem Er Selbsterkenntnis schenkt und zur Reue leitet. Der Mensch empfindet ein Weh über Dinge, die er nicht recht getan hat, und bittet Gott um Vergebung.

Die Sündenerkenntnis dringt so tief, daß ein Mensch sich in der Gegenwart des heiligen Gottes bewußt wird: „HErr, ich habe gegen den Himmel und vor Dir gesündigt!“ Es folgt eine Wiedergutmachung. Wer gestohlen hat, stiehlt nicht mehr; wer gelogen hat, lügt nicht mehr etc. Es findet eine tatsächliche Bekehrung zu Christus und Erneuerung statt, die in die Wiedergeburt mündet. Der so Erfaßte bittet den HErrn, ihm alles zu vergeben und bekennt Ihm, was ihn belastet und bedrückt. Während des Gebets geschieht etwas ganz Außergewöhnliches, nämlich das übernatürliche Gnadenwerk: Plötzlich kommen die Heilsgewißheit und der Friede Gottes in das Herz. Ein Mensch, der Reue empfindet, weiß in dem Augenblick, daß es der Glaube an Jesus Christus ist, der selig macht. Es ist ein wirkliches Erlebnis, ein wahrnehmbarer innerer Vorgang, ein direktes Wirken des Geistes Gottes in dem gläubig werdenden Menschen. Der Geist Gottes gibt dann seinem Geist Zeugnis, daß er ein Kind Gottes geworden ist (Röm. 8, 16). Das Heil in Christo ist bis heute erlebbar; es ist erfahrbar.

Wer sich Gott wirklich gläubig zuwendet und Ihm vertrauensvoll das Herz öffnet, wer nicht nur sagt: „Ich geh’ mal hin und hör’ mir die Sache an“, sondern mit der richtigen Einstellung kommt und mit dem HErrn zu reden beginnt, nachdem er sich durch die Predigt von Ihm hat ansprechen lassen, wird noch heute wie im Urchristentum Gott wirklich erleben. ER ist glaubwürdig, Ihm kann man tatsächlich vertrauen.

Bedauernswert ist, daß durch die vielen geistlichen Strömungen der schmale Weg des HErrn und die zur Nachfolge Jesu gehörenden Erlebnisse in einem völlig verzerrten Bild dargestellt werden.

Das Gespräch mit Gott muß kindlich gläubig sein, so als würde ein Brief beantwortet. Wir beziehen uns auf das, was Er uns geschrieben hat, denn durch das Wort redet Gott ja zu uns, und im Gebet reden wir mit Gott. ER macht uns Sein Angebot, läßt uns Seinen Willen wissen. Im Gebet beziehen wir uns darauf und bedanken uns für das alles. So gelangt der Mensch zu einer persönlichen Gemeinschaft mit Gott.

Im Glauben und Vertrauen lassen wir uns durch das Wort ansprechen und spüren, daß wir plötzlich ganz persönlich gemeint sind wie Nikodemus: „Jesus gab ihm zur Antwort: ,Wahrlich, wahrlich Ich sage dir: Wenn jemand nicht von obenher geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.‘ “ (Joh. 3, 3). Das Erlebnis der Wiedergeburt ist ein göttliches Muß, um überhaupt in das Reich Gottes hineinzukommen. „Wundere dich nicht, daß Ich zu dir gesagt habe: Ihr müßt von obenher geboren werden“ (Joh. 3, 7). Das Erlebnis der Wiedergeburt hat mit der Philosophie der Reinkarnation, die oft mißverständlich als Wiedergeburt bezeichnet wird, nichts zu tun. Bei der Wiedergeburt, wie sie die Heilige Schrift lehrt, kehrt nicht der Mensch in anderer Form oder Gestalt zurück, sondern der Mensch, so wie er leibt und lebt, wird gläubig, nimmt Gottes Wort in sich auf, und der heilige Geist vollzieht die Zeugung und bringt in der Seele des Menschen neues, göttliches Leben hervor.

„Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unsers Retters, erschienen war, da hat Er uns — nicht auf Grund von Werken der Gerechtigkeit, die wir unserseits vollbracht hätten, sondern nach Seiner Barmherzigkeit — gerettet durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung des heiligen Geistes, den Er reichlich auf uns ausgegossen hat durch unsern Retter Jesus Christus, damit wir durch Seine Gnade gerechtgesprochen und unserer Hoffnung gemäß Erben des ewigen Lebens würden“ (Tit. 3, 4-7).

In Kap. 2, 11 schreibt der Apostel: „Denn erschienen ist die Gnade Gottes, die allen Menschen das Heil bringt.“ Der begnadigte Mensch erkennt, was zu seinem Heil dient und notwendig ist. In den Briefen werden die Erlebnisse derer geschildert, die noch zum großen Teil Christus gesehen und miterlebt haben. Da Er gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist (Hebr. 13, 8), tut Er auch das gleiche an all denen, die zu Ihm kommen. Wer das Wort der Wahrheit aufnimmt, erlebt das, was darin verheißen wurde. „Aus freiem Liebeswillen hat Er uns durch das Wort der Wahrheit ins Dasein gerufen (neu geboren), damit wir gewissermaßen die Erstlingsfrucht unter Seinen Geschöpfen wären“ (Jak. 1, 18).

Den gleichen Gedanken führt der Apostel Petrus aus, indem er schreibt: „Da ihr eure Seelen im Gehorsam gegen die Wahrheit zu ungeheuchelter Bruderliebe gereinigt habt, so liebet einander innig von Herzen; ihr seid ja nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen wiedergeboren, nämlich durch das lebendige und ewig bleibende Wort Gottes“ (1. Petr. 1, 22-23). Wer persönliche Erlebnisse mit Gott macht, wie sie uns im Worte beschrieben werden, der wird ein Teil Seines Wortes und Willens und damit in den Heilsratschluß Gottes eingeordnet. Solche Menschen können wiederum auch alles, was geschrieben steht, richtig einordnen. Es bedarf dieses Einsseins der Erlösten mit dem Erlöser, damit wir sehen, wie Er sieht, und wollen, was Er will.

Mit dem Erlebnis der Bekehrung, Erneuerung und Wiedergeburt beginnt die Nachfolge Jesu Christi. Dazu ist der ganze Mensch aufgefordert. Was die Nachfolge einbezieht, kann in vielen Bibelstellen nachgelesen werden. Der HErr steht plötzlich an erster Stelle. Wenn erforderlich, müssen Haus und Hof, Weib oder Mann, Geschwister, Eltern oder Kinder, Freunde usw. um des Reiches Gottes willen zurückgelassen werden (Luk. 18, 29), das heißt, wenn nur dieser betreffende Mensch und nicht der Rest der Familie gläubig wird, kann er sich nicht zurückhalten lassen. Mit der Nachfolge ist nicht das Eintreten in ein Kloster oder in einen Orden gemeint, sondern daß diejenigen in ihrem familiären und beruflichen Stand bleiben und ihr tägliches Leben dem Willen Gottes entsprechend ausrichten. Das Verlassen des breiten und das Gehen auf dem schmalen Weg bringt für jeden Menschen Konsequenzen mit sich. Niemand kann zwei Herren dienen, keiner kann auf zwei Wegen zur gleichen Zeit gehen. Die Entscheidung muß fallen, und das Leben eines Menschen legt selbst Zeugnis von dem Wege ab, auf dem er geht.

Die erlebte Erneuerung betrifft das Herz des Menschen gemäß dem Wort der Schrift: „ICH will euch ein neues Herz verleihen“ (Hes. 36, 26). Der innerlich erneuerte Mensch steht vor der großen Aufgabe, alles abzulegen, was dem alten Menschen anhaftet. Im Grunde genommen führt jeder ungläubige Mensch ein Doppelleben. Er ist nicht das, was er vorgibt und wofür andere ihn halten. Jeder Mensch hat zwei Gesichter: einmal zeigt er sich, wie er sein möchte, dann wieder, wie er wirklich ist. Auch in diesem Punkt werden wir auf das Deutlichste belehrt: „… daß ihr nämlich im Hinblick auf den früheren Lebenswandel den alten Menschen ablegen müßt, der sich infolge der trügerischen Begierden zu Grunde richtet, daß ihr dagegen im tiefsten Inneren eures Geisteslebens erneuert werden müßt und den neuen Menschen anziehet, der nach Gottes Ebenbild geschaffen ist in wahrhafter Gerechtigkeit und Reinheit“ (Eph. 4, 22-24). In den nächsten Versen wird ein ganzes Register der Dinge aufgeführt, die nicht in das neue Leben gehören.

Nachdem das Gewissen des Menschen aus dem geistlichen Tode erweckt worden ist, mahnt der Geist Gottes die Dinge an, die vor Gott nicht recht sind. Es gehört zur Heiligung des Gläubiggewordenen „Gestaltet eure Lebensführung nicht nach der Weise dieser Weltzeit, sondern wandelt euch um durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr ein sicheres Urteil darüber gewinnt, welches der Wille Gottes sei, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ (Röm. 12, 2). Wer in die Nachfolge Jesu tritt, der trägt das Kreuz nicht an einer Halskette oder auf der Schulter, er nimmt die Schmach Christi, des Gekreuzigten, auf sich und geht den schmalen Weg, der zum Leben führt (Matth. 16, 24).

Paulus beschließt seinen Brief an die Galater: „Mir aber soll es nicht beikommen, mich irgend einer anderen Sache zu rühmen als nur des Kreuzes unsers HErrn Jesus Christus, durch das für mich die Welt gekreuzigt ist und ich für die Welt“ (6, 14). Nur wer sich selbst und dieser Welt gestorben ist, kann mit Christus schon hier und in jener Welt leben. Alles andere sind eigene fromme Wünsche und Anstrengungen mit immer neuen und guten Vorsätzen, die aber sämtlich zum Scheitern verurteilt sind. Die Erlösten bilden eine wirklich Gott wohlgefällige Erstlingsschar.

Auch in diesem Bereich ist leider eine Fehlentwicklung zu verzeichnen, die mit dem biblischen Begriff „allem zu entsagen und dem HErrn zu folgen“ nichts zu tun hat. Im Urchristentum und in den ersten Jahrhunderten und bei den wahren Gläubigen zu allen Zeiten, auch jetzt im 20. Jahrhundert, haben diejenigen, die Christus erlebten, gerade dort, wo sie sich befanden, das ausgelebt, was von den Gläubiggewordenen erwartet wird. Keiner zog sich in ein Kloster zurück oder vertiefte sich in fromme, wieder auf eigene Gerechtigkeit gegründete Meditationen. Die Apostel und die Gläubigen im Urchristentum führten in jeder Hinsicht ein ganz normales Leben, aber mit Christus! Jeder war an seinem Arbeitsplatz, in der Familie, im Dorf, in der Stadt mit Christus verbunden und war so ein lebendiges Zeugnis der erlebten Gnade. Der gläubiggewordene Mensch hat durch die Kraft Gottes die Möglichkeit, in den Schranken des Wortes Gottes ein ganz normales Leben zu führen. Dazu gehört die Ehe, der Beruf und alles, was den gesamten irdischen Bereich einschließt. Es geht nicht darum, daß Menschen aus dieser Welt herausgenommen werden, sondern darum, daß das Weltliche aus den Menschen herausgenommen wird.