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Das Traditionelle Christentum

Ewald Frank

library_books Kapitoly: 32 calendar_month 13. 12. 1992

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Kapitola 23

21. Kapitel: Die Rechtfertigung

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Die Verurteilung des Menschen machte seine Rechtfertigung erforderlich. Rechtfertigung ist kein Freispruch mangels Beweises, Rechtfertigung bedeutet, daß der Beschuldigte gar nicht schuldig ist und die Anklage zu Unrecht gegen ihn erhoben wurde. Der vor Gericht Stehende hat nichts verbrochen, es trat lediglich ein Ankläger auf, der dann aber nichts ausrichten konnte, weil nichts Schuldhaftes nachzuweisen war. Die Klage wurde abgewiesen, der Staatsanwalt mußte die Akten schließen — das Verfahren wurde eingestellt.

Einerseits ist der Mensch vor Gott schuldig geworden, und deshalb benötigt er Vergebung. Rechtfertigung im göttlichen Sinne ist die andere Seite: Gott sieht den Menschen, dem Er die Sünden vergeben hat, in Christus so, als habe er nie gesündigt. Das Sprichwort sagt: „Vergeben — aber nicht vergessen!“ Auch wenn wir einander von Herzen ganz und gar vergeben, so werden wir doch immer wieder an die Dinge erinnert, die einmal vorlagen. Bei Gott ist das anders: Er hat die Sünden vergeben und gedenkt ihrer nicht mehr. Niemand hat das Recht, Dinge aus dem Leben eines Menschen hervorzuholen, den Gott gerechtfertigt hat. Wer es tut, macht sich schuldig und setzt für sich die göttliche Vergebung und Rechtfertigung außer Kraft.

Weil der Mensch ohne eigenes Hinzutun in diesen sündigen Zustand hineingeboren wurde, hat Gott das Verdammungsurteil, das Er gerechterweise durch Sein Gesetz aussprechen mußte, im Sohn auf sich genommen und durch Seine Sühne eine völlige Rechtfertigung des Menschen bewirkt. „Und doch war Er verwundet um unserer Übertretungen willen und zerschlagen infolge unserer Verschuldungen: die Strafe war auf Ihn gelegt zu unserm Frieden, und durch Seine Striemen ist uns Heilung zuteil geworden“ (Jes. 53, 5).

In den Briefen an die Gemeinde zu Rom hat Paulus die biblische Rechtfertigung ausführlich gelehrt und gezeigt, wie sie zuteil wird und erlebt werden kann. Mit Bezug auf das Evangelium Jesu Christi und die erfolgte Rechtfertigung schreibt er: „Denn ich schäme mich der Heilsbotschaft nicht; ist sie doch eine Gotteskraft, die jedem, der da glaubt, die Rettung bringt, wie zuerst dem Juden, so auch dem Griechen. Denn Gottesgerechtigkeit wird in ihr geoffenbart, aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: ,Der Gerechte wird aus Glauben leben‘ “ (Röm. 1, 16+17).

Gott hat nicht nur vom Tod und Verderben errettet, Er hat den Menschen völlig gerechtfertigt und ihm seine göttliche Gerechtigkeit zurückgegeben. Die eigene Rechtfertigung durch Werke, die dem Selbstgerechtigkeitsdrang entspringt, ist nicht mehr nötig, weil uns die Gerechtigkeit Gottes zuteil geworden ist. Die eigene Gerechtigkeit gilt vor Gott nicht und kann unser größtes Hindernis sein. Es steht geschrieben: „… denn auf Grund von Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor Gott gerechtfertigt werden“ (Röm. 3, 20).

Der Mensch ist durch die souveräne Handlung Gottes aus dem verlorenen Zustand, in dem er verurteilt war, herausgenommen und in seine ursprüngliche Stellung vor Gott zurückgebracht worden. Das ist der Kern des Evangeliums von Jesus Christus. Gott hat uns nicht nur vergeben, Er hat uns gerechtfertigt, sogar Seine eigene Gottesgerechtigkeit geschenkt. „… nämlich die Gottesgerechtigkeit, die durch den Glauben an Jesus Christus für alle da ist und allen zukommt, die da glauben … alle haben ja gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den Gott verleiht; so werden sie umsonst durch Seine Gnade gerechtfertigt vermöge der Erlösung, die in Christus Jesus ist“ (Röm. 3, 22-24).

Hier bleibt kein Raum für eigene Werke, die zur Selbstgerechtigkeit führen, hier müssen wir der göttlichen Botschaft, dem Evangelium Jesu Christi, den Platz einräumen. Es ist in der Tat die frei- und frohmachende Heilsbotschaft, die in alle Welt hinausposaunt werden muß. Die Menschheit ist mit Gott versöhnt worden. „… Er wollte also Seine Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit erweisen, damit Er selbst als gerecht dastehe und jeden, der den Glauben an Jesus besitzt, für gerecht erkläre.“ (Röm. 3, 26). Nicht der Glaube an einen Religionsgründer oder in eine Konfession, sondern an Jesus, in dem Gott und Menschheit einander begegnet sind und miteinander versöhnt wurden, bewirkt diese göttliche Rechtfertigung. Fromme Werke zählen nicht: „Denn wir halten dafür, daß der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt werde ohne Gesetzeswerke“ (Röm. 3, 28).

Offensichtlich war Paulus von dem Gedanken der Rechtfertigung so ergriffen, daß er dieses Thema von allen Seiten gründlich beleuchtet hat. Römer, Kap. 3 bis Kap. 8 gibt eine umfassende Einführung in den Erlösungsplan Gottes. Jeder braucht nur im Glauben anzunehmen, was Gott geschenkt hat, und sich bei Ihm dafür zu bedanken. Wer es durch eigene Werke versucht, wird das vollendete Werk Gottes in seiner wahren und vollen Bedeutung nie erkennen können. Unser eigenes Tun hindert uns daran, zu sehen, was Gott wirklich getan hat. „… wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet“ (Röm. 4, 5).

An Abraham wird die lebenswichtige Lektion erteilt, daß derjenige, der von Gott angesprochen wird und das Wort der Verheißung empfängt, nicht auf sich und auf die ihn umgebenden Umstände schaut, sondern von Herzen glaubt, was Gott gesagt hat. Er sieht es bereits, obwohl es noch gar nicht da ist, gibt Gott dabei die Ehre und lebt in der Glaubensgewißheit, in der festen Überzeugung, daß Gott verwirklicht, was Er verheißen hat.

In Röm. 5 führt der Apostel weiter aus: „Da wir nun aus Glauben gerechtfertigt worden sind, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HErrn Jesus Christus“ (Vs. 1). Er zeigt, daß wir durch den Glauben Zugang zu unserem jetzigen Gnadenstand erlangt haben, daß wir uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes rühmen können, sogar in Not und Trübsal. Dann kommt er wieder zum Kern der Rechtfertigung: „So werden wir also jetzt, nachdem wir durch Sein Blut gerechtfertigt sind, noch viel gewisser durch Ihn vor dem Zorn gerettet werden“ (Vs. 9). Immer wieder wird hervorgehoben, worum es geht: nicht nur um einen Glauben an irgend etwas, sondern um den Glauben an Jesus Christus, den Gekreuzigten, und an die durch Sein teures und heiliges Blut vollbrachte Erlösung.

Zusammenfassend schreibt der Apostel: „Also: wie es durch eine einzige Übertretung für alle Menschen zum Verdammungsurteil gekommen ist, so kommt es auch durch eine einzige Rechttat für alle Menschen zur lebenwirkenden Rechtfertigung. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen als Sünder hingestellt worden sind, ebenso werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen als Gerechte hingestellt …“ (Röm. 5, 18-19). So gewiß wir einerseits feststellen, daß das Verdammungsurteil seit Adam alle Menschen getroffen hat, so dürfen wir andererseits glauben, daß dieses Urteil aufgehoben wurde, daß wir vor Gott begnadigt und völlig gerechtfertigt worden sind.

Im 6. Kapitel wird vor Augen geführt, daß wir mit Christus zur Gleichheit des Todes verwachsen und deshalb mitgekreuzigt, mitbegraben worden und mit Ihm zu einem neuen, göttlichen Leben auferstanden sind.

Röm. 7 zeigt den Menschen in seiner ganzen Hilflosigkeit. Er sieht sich durch die Sünde betrogen und bekommt die Härte des göttlichen Gesetzes zu spüren. Nur, wo ein Gesetz ist, kann Übertretung sein. Ohne die Gesetzgebung am Sinai mit allen Ge- und Verboten hätte die Menschheit nicht gewußt, was recht ist. Das Gesetz ist gegeben worden, damit der Mensch sich der Übertretungen bewußt wird. Der gerechte Richter hat durch Sein Gesetz verurteilt und hat als Erlöser Gnade und Barmherzigkeit widerfahren lassen. „… die Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht“ (Jak. 2, 13).

Dem Menschen wird seine Knechtschaft, daß er von Gewohnheiten, Leidenschaften etc. versklavt wird, bewußt, bis hin zu dem Schrei der Seele: „Ja, mein ganzes Tun ist mir unbegreiflich; denn ich vollbringe nicht das, was ich will, sondern tue das, was ich hasse … in mir, das heißt in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes; denn der gute Wille ist bei mir wohl vorhanden, dagegen das Vollbringen des Guten nicht … O ich unglückseliger Mensch! wer wird mich aus diesem Todesleibe erlösen?“ (Röm. 7,
15-24). Jeder Mensch wird, wenn er sich zum HErrn bekehrt, diesen inneren Prozeß durchzumachen haben, weil ohne ihn keine Bekehrung möglich ist.

Erst darauf folgt, was in Kapitel 8 beschrieben wird, als erlebte, göttliche Realität. Der durch den Glauben an Christus und Sein vollbrachtes Erlösungswerk gerechtfertigte Mensch darf ausrufen: „So gibt es also jetzt keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind“ (Vs. 1), denn sie haben Frieden mit Gott gefunden und sind in Seine Ruhe eingegangen.

Satan, der Ankläger der Brüder (Offbg. 12, 10), und diejenigen, die sich ihm zur Verfügung stellen, erheben gegen die Gläubiggewordenen und Gerechtfertigten immer wieder neue Anschuldigungen. Paulus berücksichtigt auch diesen Tatbestand: „Wer will Anklage gegen die Auserwählten Gottes erheben? Gott ist es ja, der sie rechtfertigt. Wer will sie verurteilen?“ (Vs. 33).

Die wirkliche Rechtfertigung erschöpft sich wahrlich nicht in einer lehrmäßigen Abhandlung, sie muß erlebte Erfahrung werden. Die Rechtfertigung ist der zweite Teil der Vergebung. Gott mußte den Menschen verurteilen, weil er schuldig geworden ist. Kraft der Erlösung durch das Blut des Lammes wurde die Schuld beglichen. Eine weitere Anklage kann nicht erhoben werden, auch wenn Satan es immer wieder versucht. Das tat er auch bei Martin Luther, dem dann aber die Glaubensgewißheit zuteil wurde, worauf er ausrief: „Der Gerechte wird durch Glauben leben!“ Die göttliche Rechtfertigung kommt allein durch den Glauben an die vollbrachte Erlösung durch Jesus Christus.

Wie der Mensch sich bei der Bekehrung zu Gott hinwendet, das Ende des eigenen Lebens erfährt und durch die Wiedergeburt den Anfang des neuen, göttlichen Lebens erlebt, so ist es mit der Vergebung, die mit dem Leiden und Sterben Christi verbunden ist, und mit der Rechtfertigung, die mit der Auferstehung und dem Leben Gottes verbunden ist. „Ihn, der um unserer Übertretungen willen in den Tod gegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden ist …“ (Röm. 4, 25). So gewiß Jesus starb, ist die Sünde vergeben. So gewiß Er auferstand, sind wir ein für allemal gerechtfertigt.

Der Apostel Jakobus zeigt, wie der Glaube des von Gott Gerechtfertigten an das, was Gott gesagt hat, durch entsprechenden Gehorsam in den Werken die Vollendung findet: „Daran siehst du, daß der Glaube mit seinen Werken zusammen gewirkt hat und der Glaube erst durch die Werke zur Vollendung gebracht ist, und daß so erst das Schriftwort sich erfüllt hat, das da lautet: ,Abraham glaubte aber Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet‘, und er wurde ,Gottes Freund‘ genannt“ (Jak. 2, 22-23).

Nicht Werke rechtfertigen den Menschen. Sie sind nur ein Bestandteil des durch Glauben Gerechtfertigten. Wer Gott glaubt, der handelt entsprechend dem, was Er befohlen hat. Abraham glaubte, daß Gott seinen Sohn Isaak von den Toten auferwecken würde, und war bereit, ihn als Opfer darzubringen, wie ihm befohlen wurde. Aus dieser Glaubenssicht fiel ihm der Gehorsam nicht schwer. Jakobus bezieht sich nicht auf Werke, die Menschen willkürlich tun in der Meinung, damit vor Gott etwas zu erreichen, sondern nur auf solche, die nach dem Befehl und dem Worte Gottes getan werden. Wer wirklich glaubt, der tut, was Gott gesagt hat. „Ihr seid Meine Freunde, wenn ihr tut, was Ich euch gebiete“ (Joh. 15, 14). So „atmet“ der Glaube und ist lebendig.

Der durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigte Mensch steht vor Gott so da, als hätte er nie gesündigt. Er ist in den Urzustand und in die ewige Bestimmung zurückversetzt worden und wartet lediglich noch auf die Verwandlung des Leibes und die Vollendung. Wer wirklich glaubt, wird es durch sein Leben und seine Taten, also durch seinen Gehorsam freudig unter Beweis stellen, wie Abraham es getan hat. In Hebr. 12 werden die Erlösten als vollendete Gerechte gezeigt: „… ihr seid zu dem Berge Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, herangetreten und zu vielen Tausenden von Engeln, zu einer Festversammlung und zur Gemeinde der im Himmel aufgeschriebenen Erstgeborenen und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten“ (Vs. 22-23).